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Sonniges Einfamilienhaus mit Garten Eichstätt, Gottesackergasse 16, Fl.Nr. 720/5.
Hausschichte:
Bereits auf der Stadtansicht von Wolfgang Kilian, die in das Jahr 1628 datiert wird, ist ungefähr an heutiger Stelle ein Gartenhäuschen mit Fachwerkobergeschoß zu erkennen. Vermutlich bezeichnen die beiden steinernen Wappen an der Gartenpforte, die bislang nicht identifiziert werden konnten, einen Besitzer des Grundstücks in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts. Nachrichten über das Schicksal dieses Gartenhäuschens im Dreißigjährigen Krieg sind bis heute nicht bekannt.
Laut Salbuch der Stadt gehörte um 1696 das "Gartl im Capuciner Gässl sambt einem Häuslein" dem Pfarrkanoniker Willibald Kerla. Der Wert des kleinen Anwesens, das zur Hälfte Rebdorfer Lehen war, wurde mit 120 Gulden angesetzt. Nach dem Tod Kerlas erwarb um 1717/19 Johann Jakob Biba, der ebenfalls Kanoniker an der Kollegiatpfarrkirche war, den Besitz. Biba entstammte einer italienischen Maurerfamilie aus dem Graubündener Misoxtal und ließ offenbar aufwändig das Gartenhäuschen - unter Einbeziehung des kompletten Kellers mit ziegelgemauertem Tonnengewölbe und von Teilen des Erdgeschosses jeweils weitgehend mit aus Kalkbruchsteinen bestehenden Umfassungswänden - in die jetzt wieder hergestellte Form bringen.
Dendrochronologische Untersuchungen am Vollwalm-Dachwerk erbrachten einheitlich als Fälldatum für das Fichtenholz den Sommer 1719.
Da neben der Aufstockung und einer symmetrischen Fassadengliederung auch eine aufwändige Architekturmalerei beabsichtigt war, wurde das anscheinend aus statischen Gründen in Fachwerkkonstruktion ausgeführte Obergeschoß mit einer allseits umschließenden Vorsatzschale aus Mischmauerwerk versehen, um dort auf dem Außenputz in Freskotechnik die Kalkmalschicht problemlos auftragen zu können.
Die gemalte
Bänderung im Sockelbereich,
die eingerückten Ecklisenen, das gekröpfte Gurtband und die Ausformung des Traufgesimses lassen Beziehungen Bibas zu dem Fürstbischöflichen Baudirektor Gabriel di Gabrieli und seinen Graubündener Bauleuten vermuten. Einzelheiten der gemalten Gliederungen, insbesondere die Rahmungen der Erdgeschoßfenster, stehen aber auch in der Tradition des 1714 verstorbenen fürstbischöflichen Hofbaumeisters Jakob Engel, der ebenfalls aus dem Misoxtal in Graubünden stammte und Taufpate des neuen Eigentümers und Hausherrn war. Möglicherweise kamen am Pavillon Handwerker zum Einsatz, die bereits mit dem Wiederaufbau von Brandstätten an der Ostenstraße beauftragt waren: Die beiden Vorgängerbauten des sogenannten Waisenhauses entstanden bis 1714 neu und das östlich anschließende Wohnhaus Ostenstraße 27 wurde 1719 fertiggestellt. Beide Grundstücke befanden sich als Dompropstlehen in kirchlichem Besitz und erfuhren eine repräsentative Baugestaltung.
Bis 1777 blieb der Garten mit dem Pavillon im Besitz der Nachkommen des Kanonikers Biba, dann verkaufte Maria Walburga Biba das kleine Anwesen an den Eichstätter Domherrn Franz Fidel Freiherr (seit 1781 Graf) von Thurn zu Valsassina, der noch ein weiteres Sommerhäuschen in der Westenvorstadt errichten ließ. Kurz vor seinem Tod verkaufte Graf Thurn 1794 Garten und Gartenhaus in der Ostenvorstadt an Eberhart von Clanner, Kanonikus und Stadtpfarrer bei Unserer Lieben Frau, sowie an dessen Schwester Rosalia und an beider Schwager, den Hofrat Joseph Yberle. Letzterer erscheint dann 1819 als alleiniger Vorbesitzer, als Eduard (auch Eberhard) Ueberle das Gartenhaus, "welches zur Wohnung eingerichtet ist", nun aus dem Nachlaß
seines Vater ersteigert. Bei dieser Gelegenheit erhielt das Anwesen eine eigene Haus- und Flurnnummer, da es zuvor dem Wohnsitzt des Yberle am Domplatz (A 55, heute Domplatz 3) zugeordnet war. Bis 1843 blieb das Gartenhaus in Familienbesitz, dann verkaufte es der Ingolstädter Apotheker Carl Yberle an den Kutscher Johann Schirlitz. Dieser veräußerte den Pavillon noch im gleichen Jahr an den Maurermeister Joseph Schmidt. Schließlich erwarb im Dezember 1843 der Leuchtenbergische Kabinettsdiener Walther Caspar das kleine Anwesen, doch wechselten auch in den folgenden Jahren weiterhin die Eigentümer. 1881 gelangte das Anwesen "F 56" in den Besitz des Schuhmachers Johann Rackl und seiner Frau Walburga, die 1888 einen Russischen anstelle des mit offenen Rauchhauben im Erd- und Obergeschoß versehenen Deutschen Kamins einbauen ließ. Hierfür zeichnete der städische Baurat Otto Velhorn einen Bestands- und Ausführungsplan im Maßstab 1 : 100, der im Querschnitt ein schmales zweigeschossiges Gebäude - unter Weglassung des Kellergeschosses - mit falsch dargestelltem Kehlbalkendach zeigt. Im westlichen Teil waren das Treppenhaus und jeweils eine Küche untergebracht, der größere östliche Teil umfaßte im Erdgeschoß einen großen Raum mit zwei Fenstern und an der ehemals freien Walmseite das angebaute Vestibül, darüber die repräsentative Stube mit drei Fenstern ebenfalls über die ganze Hausbreite. Eine Photographie aus dieser Zeit läßt auf dem Anbau ein legschiefergedecktes Pultdach und in der südlichen Fläche des mit Biberschwanzziegeln gedeckten Walmdaches eine Schleppgaube erkennen. Vermutlich diente der Dachraum zum Schlafen.
Bei der umfassenden Instandsetzung und Modernisierung im Jahr 1907 durch die Waisenhausstiftung, die das "Gartenhäuschen am Städt. Waisenhaus" 1889 gekauft hatte, wurde das Vestibül abgebrochen und zur Unterbringung eines großzügigeren Eingangsbereiches und von Sanitäranlagen ein zweigeschossiger Anbau über die ganze Hausbreite errichtet. Wie eine Photographie aus den 20er Jahren zeigt, hatte man außerdem die östliche Seite des Anbaus mit einer Laube ergänzt.
Bei der neuen Hausnummerierung im Jahr 1957 erhielt das Anwesen die Bezeichnung Gottesackergasse 16. Bis 1972 vermieteten das Gebäude die Waisenhausstiftung und dann seit 1968 die Heilig-Geist-Spital-Stiftung als Rechtsnachfolgerin. Danach diente es nur noch als Aufbewahrungsort für städtisches Lagergut. 1973 ließ man den Anbau des frühen 20. Jahrhunderts abbrechen. Erst die Brandkatastrophe am Abend des 30. Juli 1995 (verursacht von drei Buben), bei der alle Holzteile beschädigt wurden, gab den Anstoß zu umfassenden Sicherungsmaßnahmen und zu eingehenden Befunduntersuchungen.
Zusammenfassend ist festzustellen, daß der zweigeschossige Pavillonbau mit Architekturmalerei um 1720 als weitreichende Überformung eines älteren Baubestandes des 16. Jahrhunderts mit neuer Aufstockung einschließlich des steilen Walmdaches errichtet wurde. Bauliche Veränderungen im 19. und frühen 20. Jahrhundert betrafen vor allem die Zusetzung von Tür- und Fensteröffnungen, die Veränderung der Haustreppe und Anbauten an der östlichen Walmseite. Die entsprechenden Befunde sind im Baualtersplan dokumentiert, der auf einem verformungsgerechten Bauaufmaß basiert.
Als Erstfassung der jeweils überputzen Ständerwand und der stuckierten Decke im salonartigen Raum des Erd- und Obergeschosses konnte lediglich eine einheitliche weiße Kalktünche festgestellt werden, die auch bei späteren Fassungen verwendet wurde. Farbige Fassungen finden sich erst in Verbindung mit Umbaumaßnahmen und sind wohl in das 19. Jahrhundert zu datieren. Die Fassaden des Pavillons waren dagegen über Vorritzungen im Kalkputz mit reicher, bauzeitlicher Architekturmalerei in Ocker-, Goldocker- und Braunockertönen auf hellgrauen Flächen freskiert, wovon große Teile mit verwitterter Oberfläche unter späteren Übertünchungen erhalten blieben.
Die Gesamtinstandsetzung nach der Brandkatastrophe vom 30. Juli 1995 wurde von dem Zahnarzt Dr. Ludwig Bauer getragen, der noch im darauffolgenden Oktober die ersten Sicherungsmaßnahmen einleitete und zugleich das Anwesen in einem kurzfristigen Erbpachtvertrag übernahm. Zunächst ließ man den beschädigten Dachstuhl reparieren, die Dachdeckung mit handgefertigten Bibern ergänzen und alle Tür- und Fensteröffungen durch Verschalung sichern. Bei der grundlegenden
Instandsetzung / Restaurierung in den Jahren 1996 bis 1999 konnten die Rahmenstuckdecken in den beiden Stuben und weitgehend das Dachwerk gerettet werden. Türen, Fenster und zugehörige Eisenbeschläge wurden nach verbliebenen Fragmenten rekonstruiert. Ein eigener, in Stahlbeton gefertigter kellerartiger Technikraum wurde vor die westliche Schildwand im Untergeschoß gesetzt und von dort auch erschlossen. Die Raumdecke dient jetzt als Eingangsterrasse. Alle drei Geschosse und der Dachraum sind jetzt zur Wohnnutzung bestimmt.
Das anfängliche Restaurierungskonzept für die Fassaden beinhaltete die Rekonstruktion der Malerei in Mineralfarbtechnik,
wofür Putzergänzungen mit hydraulischem Putz und die Behandlung der gesamten Oberfläche mit Ätzflüssigkeit notwendig waren. Um die noch originalen Kalkputzflächen mit der in Freskotechnik aufgetragenen Malschicht, der lediglich Licht- und Schattenlinien in Seccomalerei aufgesetzt waren, sichtbar zu belassen, wurde bei der Inangriffnahme der Fassadenrestaurierung eine Konzeptänderung herbeigeführt: Die Originalpartien wurden konserviert und behutsam retuschiert, die Ergänzungen auf gleichgeartetem Putz reversibel in Kalktechnik ausgeführt. Ende September 1999 konnte die Fassadenrestaurierung durch den Kunstmaler Stefano Cafaggi von Zeitlarn-Neuhof und seinen Mitarbeitern, abgeschlossen werden.
Dipl-Ing. P. Unterkircher
Hauptkonservator
Der vorstehende Text entstand unter Einbindung der Inventarisationsvorlage "Ostenvorstadt" von Frau Dr. Karin Berg und einem Archivalienauszug für das Anwesen Gottesackergasse 16 von Frau Magdalena Schick und Herrn Brun Appel.
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